Über 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Unterscheidung zwischen Ost und West in Deutschland weiterhin wirksam. Das Raumkonstrukt Osten bleibt Gegenstand vielfältiger gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse und wird in Abhängigkeit vom Westen unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Während bisherige Forschung vor allem Generationen betrachtete, die in Ostdeutschland sozialisiert wurden, richtet die vorliegende Arbeit den Fokus auf Angehörige der Postwende-Generation, die in den alten Bundesländern geboren und aufgewachsen sind, heute jedoch in den neuen Bundesländern leben. Ziel ist es, die Wahrnehmung und Reproduktion des Raumkonstrukts Osten – und im Rückbezug auch des Westens – durch diese Gruppe zu untersuchen und die zugrunde liegenden Mechanismen zu analysieren.
Empirische Grundlage bilden sechs leitfadengestützte Interviews mit Proband:innen, deren Aussagen mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass vor dem Umzug ein medial und familiär vermitteltes, häufig vereinfachtes Bild des Ostens dominierte, das von Fremdzuschreibungen und stereotypen Differenzmarkierungen geprägt war. Nach dem Umzug zeigen sich Verschiebungen: Durch alltägliche Erfahrungen, soziale Kontakte und berufliche Kontexte werden frühere Konstruktionen hinterfragt, relativiert und neu ausgehandelt. Der Osten wird zunächst als historischer oder geografischer Raum verstanden, doch mit dem Leben vor Ort entsteht ein Bewusstsein für die Wirkmächtigkeit des Ost-West-Konstrukts. Eine Identifikation als „Wessi“ oder „Westdeutsche:r“ erfolgt nicht. Vielmehr führen Alltags- und Othering-Erfahrungen zu einem Perspektivwechsel, der Reflexionsprozesse über Zugehörigkeit, Identität und Differenz anstößt. Wahrgenommene Unterschiede – etwa in politischen Einstellungen oder ökonomischen Strukturen – bleiben zwar präsent, erscheinen jedoch komplexer und weniger homogen. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zur Raum- und Identitätsforschung im Kontext der Ost-West-Debatte und plädiert für eine Überwindung dieser Differenz durch Reflexion, Dialog und gegenseitiges Verständnis.





